- Lebensregel 1
Lebe jetzt. Kümmere dich lieber um die Gegenwart als um die Vergangenheit oder Zukunft.
- Lebensregel 2
Lebe hier. Beschäftige dich mit dem Vorhandenen anstatt mit dem Nichtvorhandenen, mit dem, was da ist, anstatt mit dem, was nicht da ist.
- Lebensregel 3
Höre auf, dir etwas zusammenzuphantasieren. Erfahre die Realität.
- Lebensregel 4
Höre auf , unnötig zu denken. Probiere lieber und schaue.
- Lebensregel 5
Drück dich lieber aus, statt zu manipulieren, zu rechtfertigen und zu bewerten.
- Lebensregel 6
Laß dich ein auf Unerfreuliches und auf Schmerz, genaus wie auf Freude.
- Lebensregel 7
Akzeptiere kein "Sollte" oder "Müßte" außer deinem eigenen. Bete keine Götzenbilder an.
- Lebensregel 8
Übernimm die volle Verantwortung für deine Handlungen, Gefühle und Gedanken.
- Lebensregel 9
Erlaube dir zu sein, wie du bist.
Obwohl Claudio Naranjo, ein Gestalttherapeut, diese Sätze als Kernaussagen der
Gestaltphilosophie in den 70ern bereits aufgeschrieben hat, sind diese Regeln
weder einzigartig noch zum ersten Mal formuliert. Sie könnten in alten
Schriften wie in der Bibel, im Koran, in Zen-Schriften gefunden werden. Die
Gestaltarbeit erleichtert es dem Klienten/der Klientin zu lernen, in
Übereinstimmung mit diesen Regeln zu leben, ein Prozeß, den man gemeinsam
erleben kann.
Quellen der Gestalttherapie
1. Psychoanalyse
Es bestehen einige Parallelen zwischen dem psychoanalytischen und dem
gestalttheoretischen Erklärungsmodell der Neurose, besonders z.B. im Hinblick
auf die "Abwehrmechanismen" (Psychoanalyse) und die
"Kontaktvermeidungsmechanismen" (Gestalttherapie). PERLS selber war Arzt und
ausgebildeter Psychoanalytiker, entwickelte die analytische Theorie aber in
einigen wichtigen Bereichen weiter. Diese konnten sich allerdings in der
traditionellen psychoanalytischen Theorie nicht durchsetzen. (Ihm erging es
somit ähnlich wie anderen, fälschlicherweise häufig als "Freud-Schüler"
bezeichneten Vordenkern anderer Therapieformen)
- Gegen den Lebens- und Todestrieb im psychoanalytischen Gedankengut, setzte
er das Wachstumsstreben des Individuums, die Selbst- und Arterhaltung von
Lebewesen.
- Entgegen dem Primat der Libido in der Psychoanalyse wird in der
gestalttherapeutischen Sicht dem Hömöostaseprinzip, bzw. der organismischen
Selbstregulation mehr Bedeutung zugeschrieben (prägnantestes Beispiel: der
Hunger, erstmals dargestellt in F. PERLS "Ego Hunger and Aggression",
London 1947).
- Der psychische Apparat ist nicht nur strukturiert in drei Instanzen wie in
der Psychoanalyse, sondern besteht insgesamt aus einer Vielzahl von
Phänomenen der polaren Differenzierung: Bsp.: Topdog ("Du solltest dies und
jenes tun!") - Underdog ("Ich kann nicht, bin zu schwach!").
Unterschiede in der therapeutischen Praxis:
| Klassische Psychoanalyse | Gestalttherapie |
| vergangenheitsbezogen | gegenwartsbezogen |
| kausal-interpretativ | phänomenologisch |
| Frage nach dem "Warum" | Frage nach dem "Wie" |
| Fremdinterpretationen | Erfahrungen und Selbstinterpretation |
| therapeutische Abstinenz und Distanz | persönliche Beziehung zwischen Therapeut und Klient |
2. Charakteranalyse (REICH)
Folgende Elemente aus der Reichschen Charakteranalyse wurden von PERLS in sein
Therapiekonzept integriert:
- REICH war der Überzeugung, daß sich neurotische Strukturen auch körperlich
fixieren (= muskuläre Charakterpanzerung). Somit wurde der Körper in die
Psychotherapie einbezogen.
- Der Charakterwiderstand manifestiert sich eher im WIE der Kommunikation als
im tatsächlichen Inhalt, im WAS.
- REICHS Überzeugung war, das wirkliches psychologisches Wachstum auch der
Konfrontation bedarf.
3. Der Existenzialismus
In die Gestalttherapie wurden folgende anthropologischen Grundsätze übernommen:
- Selbstverantwortlichkeit des Menschen
- Akzeptieren des Daseins als solchem, wie es zu einem gegebenen Zeitpunkt
gerade ist
- paradoxe Theorie der Veränderung: Werde, der Du bist (und nicht zu dem, was
Du vorgibst zu sein oder andere von Dir erwarten)
- Leben mit wacher Bewußtsein (Awareness)
- Aufhebung der Leib-Seele-Dichotomie ( "Körper-Sein", und nicht "einen
Körper haben"!)
- Ich-Du-Beziehung auch in der Therapeut-Klient-Beziehung (keine distanzierte
Ich-Es-Beziehung)
4. Die östlichen Philosophien
Übernahme verschiedener Prinzipien aus Zen-Buddhismus und Taoismus
- Fokussieren auf wache Bewußtheit im Hier und Jetzt
- Lebensziel: Integration der Person - Betonung des ständigen Wachstumsprozeß
- Annehmen statt Analyse von Gefühlen
- Paradox der Veränderung
- Der Weg ist wichtiger als das Ziel
- Zentrieren als Konfliktlösungsmöglichkeit zwischen Polaritäten
5. Gestaltpsychologie
Thema der Gestaltpsychologie ist die Relativität der Wirklichkeit in
Abhängigkeit von unserer Wahrnehmung. Hierzu wurden in den ersten Jahrzehnten
unseres Jahrhunderts verschiedene Experimente gemacht (u.a. von GOLDSTEIN,
KÖHLER, KOFFKA, WERTHEIMER).
PERLS erweiterte nun die Erkenntnisse über Strukturierungsprozesse und
Gesetzmäßigkeiten der Gestaltpsychologie, die sich bisher nur auf sinnliche
Wahrnehmung beschränkten, auf andere Prozesse des Organismus aus, v.a. auf
Emotionen und körperliche Sensationen. Demnach erfolgt die Organisation des
organismischen Funktionierens nach dem Figur-Grund-Prinzip.
Einige wichtige Gestaltgesetze sind folgende:
- Figur-Grund-Prinzip: Der Wahrnehmungsprozeß strukturiert das Feld in Figur
und Hintergrund
- Tendenz zur guten Gestalt, Prägnanzgesetz: bedeutungsvolle Ganzheiten
bergen aktiv organisierende Kräfte und die natürliche Tendenz zur
Einfachheit der Form
- Zeigarnik-Effekt: unerledigte Situationen haben die Tendenz zur
Vervollständigung
|