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"PERLS glaubt, daß Bedürfnisse, nicht Instinkte, uns zum Handeln bewegen. Für
ihn ist alles organische Leben gekennzeichnet durch ein gerichtetes
Fließgleichgewicht (Homöostase) zwischen zwei paradoxen (polaren,
antithetischen) Impulsen: Selbsterhaltung (Ruhe, Sicherheit, Formbeständigkeit,
Festigung) einerseits und Wachstum (Bewegung, Veränderung, Entfaltung,
Differenzierung) andererseits. Überbetonung der Selbsterhaltung führt zur
Erstarrung, Überbetonung der Differenzierung zu Verlust von Sicherheit und
Substanz. Für jeden von uns gibt es ein optimales Gleichgewicht zwischen den
beiden, das als lustvoll empfunden wird. Ungleichgewicht in unserem Organismus
macht sich bemerkbar durch Bedürfnisse, deren Befriedigung zu Genuß,
Gleichgewicht und Wachstum führt, deren anhaltenden Frustration jedoch zu
Unruhe, Stagnation, Krankheit und schließlich Tod führen kann."
(BÜNTIG W: Die Gestalttherapie Fritz Perls. in: Die Psychologie des 20.
Jahrhunderts. Kindler Verlag S. 1044ff)
Viele weitere Prämissen im Menschenbild der Gestalttherapie leiten sich aus den
bereits dargestellten Quellen ab, u.a.:
Der Organismus befriegt seine Bedürfnisse in Form von Kontaktprozessen durch
das sensorische und motorische System des Organismus. Alle Erfahrungen und
Erlebnisse sind Kontakterfahrungen, die sich an der Grenze Organismus-Umwelt
vollziehen, dies ist der Ort der Beziehung zwischen Organismus und Umwelt.
Es formieren sich in ständigem Wechsel aus dem Pool aller möglichen
organismischen Bedürfnisse klar wahrnehmbare Bedürfnis-Gestalten. Die jeweils
dominante Figur wird zum Vordergrund, danach durch Befriedigung zerstört und
tritt dann in den Hintergrund zurück. Das Äquilibrium (= Gleichgewicht) ist
wieder hergestellt.
Aggression ist die Fähigkeit, auf Objekte zuzugehen. Sie hat eine
lebensbejahende Qualität, die den Organismus in die Lage versetzt, sich selbst
zu unterstützen, zu nähren. Aggressive Energien gelten als entscheidender
Aspekt der organismischen Selbstregulation. Sie werden im Zyklus der
Gestaltbildung und -destruktion mobilisiert. Erst nach der Transformation
dessen, was nicht zum Selbst gehörte in Anteile des Selbst ist Wachstum möglich
(hinzu kommt auch das Ausscheiden von "Nicht-Nährendem"): Bsp: Einen Apfel muß
ich in seiner Gestalt zerstören (kauen), damit er mich nährt. Als Ganzes
aufgenommen (introjiziert) würde er mich sehr quälen und Bauchschmerzen
bereiten!
Erst die Unterdrückung dieser Fähigkeit im heranwachsenden Organismus
pervertiert die Aggression zu Feindseligkeit, Haß und Zerstörungsdrang! (vergl.
hier auch FREUDs Theorie des Todestriebes!)
Integraler Bestandteil der organismischen Selbstregulation ist die Awareness,
d.h. eine ständig wache Aufmerksamkeit für die situativen Anforderungen im
"Organismus-Umwelt-Feld". Dieses Feld beinhaltet sowohl meine individuellen
geistigen, emotionalen und physiologischen Bedürfnisse als auch soziale und
pysikalische Bedürfnisse, Anforderungen und Gegebenheiten meiner Umwelt.
Gesundheit und Neurose
Ein Organismus ist gesund, wenn eine ungehinderte Funktion der organismischen
Selbstregulation möglich ist. Dies ist nicht gleichbedeutend mit dem Fehlen von
Konflikten, Störungen oder auch Ängsten, sondern bedeutet eine kreative
Anpassung des Organismus an die von Moment zu Moment sich ändernde Situation
(also nicht Sicherheit, sondern das Vertrauen in die selbstregulierende
Fähigkeit des Organismus).
Gesund ist man in der Lage, den vollständigen Zyklus der Bildung und Zerstörung
von Gestalten zu vollziehen.
Neurotische Verhaltensweisen sind schöpferische Anpassungen in einem
Organismus-Umwelt-Feld, in dem es Verdrängungen gibt. In der Neurose ist die
organismische Selbstregulation gestört,d.h. der Kontaktprozeß ist an bestimmten
Stellen unterbrochen. Der Kontakt zur äußeren oder inneren Welt und deren
Anforderungen ist unterbrochen, oder aber, wenn die Wahrnehmung noch gut
funktioniert, dann kann der Ausdruck von Bedürfnissen und Emotionen blockiert
sein.
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