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Kurier
Führerschein fürs Eheglück


Hochzeiten boomen, Trennungen leider auch.
Jede dritte Ehe wird geschieden – das müsste nicht sein. Liebe lässt sich
lernen, sind immer mehr Therapeuten überzeugt und schicken
Beziehungsgeschädigte in die Liebesschule. Am besten schon vor dem Ja-Wort.
Wenn’s hilft, bitte schön: In Zukunft sollen Paare Ringe aus dem
Knochenmaterial des Angetrauten als Zeichen der Zuneigung tragen können.
Hergestellt wird das wildromantische Geschmeide aus gezüchteten Zellen, die dem
Kiefer entnommen werden. Der Wachstumsprozess des Bioschmucks dauert sechs bis
acht Wochen. Die Ehe danach überlebt bei manchen Paaren dann nicht einmal das
erste gemeinsame Jahr.
Und dennoch: Heiraten boomt. 2004 gab es um 3,8 Prozent mehr Eheschließungen
als in den Jahren zuvor. Auch 2005 sind die Ja-Sager höchst aktiv. Dem
gegenüber steht nüchterne Scheidungsstatistik: Jede dritte offiziell
abgesegnete Beziehung scheitert. „Ehe – eine vom Staat sanktionierte Tyrannei“,
wie Alma Mahler-Werfel meinte, oder doch etwas, worauf man zählen könnte, hätte
man – tja – nur irgendwo mal gehört, wie man den Tücken des Beziehungsalltags
entrinnt.
Ist Liebe erlernbar? Immer mehr Therapeuten sind überzeugt: Es macht Sinn für
die Zeit nach den Hochzeitsglocken zu büffeln – diverse Untersuchungen zeigen
die Wirksamkeit solcher Programme: So zeigte sich etwa, dass jene Paare, die
einen Drei-Tages-Workshop für eheliche Kommunikation und Stressmanagement
besucht hatten, drei Jahre später gegenüber nicht „Geschulten“ um bis zu 20
Prozent seltener vorm Scheidungsrichter endeten. Nur zu oft wird eine gute Ehe
als selbstverständlich angenommen – viele machen sich im Rausch der ersten
Gefühle gar keine Gedanken, wie es abseits der ersten Verliebtheit weitergehen
könnte. Ein „Fitness-Training“ für die gemeinsamen Jahre beugt nicht nur
möglichen Verletzungen vor, sondern bringt die Beteiligten in Liebesform.
Studien zeigen: Unglückliche Ehen machen krank und verkürzen das Leben um vier
Jahre, glückliche stärken das Immunsystem. Der amerikanische Eheforscher John
Gottman dazu: „Würden Fitnessfreaks nur zehn Prozent ihrer wöchentlichen
Trainingszeit, zirka 20 Minuten täglich, darauf verwenden, an ihrer Ehe statt
an ihrem Körper zu arbeiten, würden sie dreimal mehr Gesundheit ernten.“
Auch Elisabeth Pollheimer, Leiterin des „Arbeitskreises Ehevorbereitung“ des
katholischen Familienwerks, betont die Sinnhaftigkeit eines „Lehrgangs“ vor dem
Ja-Wort: „Schließlich bereiten sich Menschen auf alle wichtigen Situationen im
Leben vor bzw. bilden sich aus, ich denke dabei z. B. an den Führerschein oder
ein Vorstellungsgespräch.“ Im Duo mit ihrem Partner hält sie Seminare für
Paare, die sich kirchlich trauen lassen wollen: „Diese bieten die Gelegenheit,
vor der Trauung für einige Stunden bzw. Tage noch einmal die Bedeutung dieses
Schrittes zu reflektieren.“
Auch wenn die Nachfrage nach „Partnerschulen“ noch recht überschaubar ist, gibt
es jede Menge Möglichkeiten, sich in der Causa „Ehetauglichkeit“ Nachhilfe
geben zu lassen. Pickerl für die Liebe: Wer etwa in Amerika vom Pfarrer getraut
werden will, muss – immer öfter – davor zum Test antreten und beweisen, dass
er/sie der oder die Richtige ist. Sozial-Wissenschaftler aus Minnesota haben
Ende der 70er-Jahre den „Prepare-Test“ entwickelt – 165 Fragen an
Heiratswillige, die ermitteln, wie gut zwei zusammenpassen. Das Ergebnis sagt
mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent voraus, welche Paare ein hohes
Scheidungrisiko haben. Zumindest in den USA gelang es damit, die Trennungsrate
drastisch zu senken. Weltweit arbeiten über 50.000 Berater mit dem
Liebes-Check-up, über 1,5 Millionen Paare haben ihn schon hinter sich. Auch in
Österreich gibt es immer mehr „Prepare“-Anbieter – Pastoren, Lebens- und
Sozialberater sowie Therapeuten. Dabei – betonen die Experten – gehe es gar
nicht darum, die Beziehung zu „prüfen“, sondern schlicht und einfach um eine Bestandsaufnahme
als Stärkung der Zweisamkeit. Eine Art Online-TÜV bietet seit einiger Zeit auch
die Universität Göttingen: „Theratalk“ ist ein Partnerschaftstest nach neuestem
Stand der Forschung. Hier sehen Ratsuchende auf einem Blick jene Bereiche mit Handlungsbedarf
und Entwicklungspotenzial. Anschließende Paar-Therapie per Internet möglich.
Dr. Ragnar Beer, Leiter des Projekts: „Insgesamt haben bisher 80.000 Menschen
den kostenlosen Test genutzt, 300 Therapien wurden durchgeführt.“ Mit
nachhaltiger Wirkung, wie bewiesen werden konnte: In allen Fällen zeigte sich
eine bedeutende Zunahme der partnerschaftlichen Zufriedenheit.
In vielen Fällen hilft schlichtes Kommunikationstraining – viele Menschen reden
nahezu magisch aneinander vorbei. Im Alltag der Beziehung führt das direkt ins
Chaos. „Die vier apokalyptischen Reiter“ nennt Ehe-Forscher Gottman jene
Kommunikationssünden, die eine Beziehung auf Dauer ruinieren. Der erste heißt
Kritik – Herumnörgeln, Schuldzuweisungen bis hin zur generellen Verurteilung des
Partners. Apokalypse Nummer 2: Verachtung. Abschätzige Bemerkungen, subtiler
Sarkasmus, beleidigender Zynismus. Die Spirale dreht sich – Richtung Nummer 3:
Rechtfertigungen. Gottman hat herausgefunden, dass die exakt Null bringen, weil
es sich im Grunde nur um eine Methode handelt, die kommuniziert: „Darling, das
Problem liegt bei dir und nicht bei mir“. Spätestens jetzt steuert das Paar gen
Abgrund bzw. Reiter Nummer 4: Mauern. Einer der Partner klinkt sich aus –
Schotten dicht. Gelegentlich schauen die vier Reiter auch in glücklichen Ehen
vorbei, beteuert der Ehe-Experte – wo sich das Quartett jedoch dauerhaft
niederlässt, ist Scheitern vorprogrammiert .
Scheidungsforscher wissen, dass langes Eheglück gar nicht von möglichst
ähnlichen Persönlichkeitsmerkmalen abhängt. In guten Ehen wird ebenso
gestritten wie in unglücklichen – der Unterschied: Glückliche Partner verletzen
einander nicht so tief. Und das ist oft eine Frage der richtigen Kommunikation.
Auf diesbezügliche Vorbeugung setzt z. B. EPL – ein partnerschaftliches
Lernprogramm, das auf einem intensiven Gesprächstraining basiert. Eine
Teilnahme ist vor und nach der Hochzeit, speziell in den ersten gemeinsamen
Jahren, sinnvoll. Dabei lernen Partner, sich so auszudrücken, dass beim
Gegenüber ankommt, was man mitteilen will. Und auf der anderen Seite so
zuzuhören, dass besser verstanden werden kann, was der andere meint.
Auf Spiritualität mit einer Prise Esoterik setzt hingegen Brigitte Bayer von
der „Partnerschule Harmonie“. Auch sie kritisiert: „Vieles wird gelehrt, jedoch
nicht, wie man eine Beziehung lebt.“ Falsche Beziehungsmuster seien es, die zu
neurotischen Spielen und somit direkt in eine Negativspirale führten. Mit einer
Kombination aus Astrologie, Psychologie, Körper- und Energiearbeit will die
Expertin dem Liebesleid ganzheitlich zu Leibe rücken. Resümee einer
Partnerschulen-Absolventin: „Hier lernte ich erstmals mich und meine
Bedürfnisse kennen, vor allem aber Verantwortung für mein Leben und meine
Beziehung zu übernehmen. Weg vom komm mach mich glücklich und vom enttäuschten
du bist schuld. Hin zum Erkennen und zur Akzeptanz der unterschiedlichen
Bedürfnisse, Ansichten und Fähigkeiten.“
Freilich – manchmal hilft selbst die beste Schulung nicht gegen das Scheitern.
Dann gilt die Devise „zurück an den Start“. Frei nach dem englischen
Schriftsteller Samuel Johnson: „Die zweite Ehe ist der Triumph der Hoffnung
über die Erfahrung.“
Von Gabriele Kuhn